Dr. med. Klaus Hettmer

Das Thema der vaterlosen Gesellschaft (Alexander Mitscherlich) ist schon seit der Jahrhundertwende eines der dominierenden Themen unserer Zeit, auch wenn wenig darüber diskutiert wird. Durch die beiden Weltkriege, die Industrialisierung und Rollenvermischung in der postmodernen Gesellschaft gingen Generationen von deutschen Familien die gesunden Männer und Väter verloren. Sei es durch Verlust, sei es durch Traumatisierungen oder auch durch mangelnde Vorbilder oder innerlich abwesende Väter.

Verletze Männer verletzen und so setzt sich diese unselige Entwicklung leider immer noch weiter fort und wir Männer müssen von anderen Männern und geistigen Leitern wieder neu lernen, was es heißt, ein Mann und Vater zu sein.

Folgen für unsere Kinder, Familien die Gesellschaft

Viele Studien beweisen die negativen Folgen fehlender Väter und zerbrochener Familien für unsere Kinder und Jugendlichen.

So steigt das Risiko für psychische Auffälligkeiten, auch die Rate, kriminell zu werden, steigt deutlich. 85% der Gefängnisinsassen haben keinen präsenten Vater erlebt. Kinder allein erziehender Eltern zeigen ein aggressiveres Verhalten und mehr Verhaltensprobleme. Mädchen neigen zu frühzeitigem Geschlechtsverkehr, Kinder mit väterlicher Abwesenheit haben deutlich mehr Selbstwertprobleme und eine höhere Neigung zu süchtigem Verhalten. Auch Übergewicht und eine stärkere Neigung zu Depressionen hat Mitursachen in der Vaterlosigkeit.

Fehlt der Vater, fehlt den Kindern und Jugendlichen der männliche Teil der Liebe und Schutz gebende Grenzen. Urvertrauen, Geliebt sein, wertvoll sein, Grenzen zu haben, Fehler machen zu dürfen, Mitgefühl zu entwickeln – dafür braucht es Mutter und Vater als liebevolle Vorbilder.

Gerade für Männer ist es enorm wichtig, im Vater ein stärkendes und stützendes männliches Vorbild zu haben, denn Mann sein kann man nur von Männern lernen!

Nach den Thesen der Bindungsforschung geht eine Schätzung davon aus, dass gerade mal 50 Prozent (!) der Väter es schaffen, in den entscheidenden ersten Lebensjahren zu ihren Kindern eine sichere Bindung aufzubauen.

  • Der Vater führt das Kind in die Umwelt ein und zeigt ihm, wie man mit anderen Menschen zusammen lebt.
  • Der Vater ist das große Vorbild und der Held der Jungs und gibt ihnen Wert, Würde und innere Stärke.
  • Der Vater ist der erste Mann im Leben einer Frau und spiegelt ihr ihre Schönheit und ihren Wert für die Welt der Männer und die Gesellschaft.
  • Der Vater hilft den Kindern dabei, ihre männliche und weibliche Identität zu finden und ihren Weg durch das Leben und zu ihrer Berufung zu finden.
  • Der Vater lehrt den Kindern Demut und Achtung vor der Schöpfung und eine gesunde Spiritualität.

Die Jesuiten wussten um die Wichtigkeit der ersten Jahre und sagten:
Gebt mir einen Jungen die ersten 7 Jahre und ich gebe euch einen Mann

Väter sind unverzichtbar und unersetzbar!

Durch den Vater vervollständigt sich die Weltsicht des Kindes um das männliche Prinzip. Vaterliebe ist genauso wichtig wie Mutterliebe. Von ihr geht eine stärkende und Mut machende Kraft aus.

Die Vaterwunde

John Eldredge schreibt in seinem Weltbestseller „Der ungezähmte Mann“, dass er noch keinem Mann begegnet ist, welcher keine Vaterwunde hatte.

Das fehlende gesunde Vorbild für die Männer führt nicht nur zu einem Versagen in der beruflichen Welt, sondern auch zu schwierigen Ehen und gehäuften Trennungen, was wiederum meist zum Verlust des Vaters führt.

Wenn diese tiefe, innere Wunde des Mannes nicht geheilt wird, suchen Männer manchmal ihr Leben lang nach der Anerkennung in der Männerwelt, sei es durch Arbeit, Krieg, Sucht, Sport oder Geld. Manchmal vegetieren sie auch einfach ihr Leben lang in einer Depression dahin.

Sie haben dann zu wenig Halt und innere Kraft, um ihrer Rolle in Familie und Gesellschaft gerecht zu werden.

Mann und Vater sein, was bedeutet das?

Wie viele Männer haben einen echten, guten Freund,  mit dem sie über alles, auch ihre Ängste und Niederlagen sprechen können? Wie viele Männer suchen gelegentlich die Einsamkeit, um wieder zu sich zu finden? Wie viele Männer lassen es zu, dass sie ihre Wunden, die ihnen das Leben schlägt, auch fühlen und ausdrücken dürfen und nicht zuletzt: wie viele Männer suchen Gott, um sowohl Demut als auch wahre innere Stärke und ihren persönlichen Sinn zu finden?

Es gibt sechs Entwicklungsstufen zum Mann sein und bei der jeweiligen Krise der Entwicklung von einer Stufe zur nächsten bräuchte es jeweils gesunde Väter und Leiter, um den jüngeren dabei zu helfen (Stichwort Initiation):

Geliebter Sohn, Abenteurer, Kämpfer, Liebender, König, Weiser.

Der gesunde Mann hat alle diese Stufen (ca, jeweils 10 Jahre) durchlaufen und hält sie in seinem Inneren lebendig und im Ausgleich.

Was wäre ein Kämpfer ohne Liebe und König, was ein Abenteurer ohne Ziel, was ein Weiser ohne Taten?

Richard Rohr spricht von zwei Lebenshälften und in der zweiten Lebenshälfte geht es nicht mehr um uns und unser Ego, sondern darum, die uns geschenkten und erarbeiteten Gaben und Talente mit anderen zu teilen. Das ist wahre Männlichkeit!

Das entscheidende dafür ist Verantwortung zu übernehmen: für unsere Heilung, unsere Fehler und Schwächen, für Versöhnung, für unsere Familien und andere Menschen.

Ob der Mann nun ungezähmt, wild, weise oder zärtlich ist, das wichtigste ist, das er er selbst wird und sein Herz und seine Leidenschaft für das Gute und die Liebe entdeckt!

Ausblick auf die Heilung

Meiner Ansicht nach als Mann und Psychotherapeut braucht es hierfür die Erkenntnis des Scheiterns, des inneren Zusammenbruchs, des Erkennens der eigenen Wunden und auch der Hilfe von andern Männern und Leitern.

Besonders wichtig sind Vorbilder und liebevolle Begleiter in Zeiten der Krise. Auch das Aufsuchen der Stille und Einsamkeit, das Zerbrechen des Ego und falschen Selbst und die Hinwendung zu Gott als Vater sind entscheidende Aspekte der Heilung unserer Vaterwunde.

Wenn ein Mann selbst Vater wird, wird seine Vaterwunde oft noch einmal aktiviert und dies ist gleichzeitig eine Krise und eine Chance, sich mit der eigenen Kindheit, dem eigenen Vater und Vater sein auseinander zu setzen. Hier spielt meiner Meinung nach auch eine innere oder äußere Versöhnung mit dem Vater und dessen Geschichte eine Rolle. Erst nach dem Erkennen der eigenen Wunde und auch des Weitergebens dieser Wunde kann durch Vergebung und Selbstvergebung innere Heilung geschehen.

Zum Abschluss ein Gedicht von Ed Sissmann:

Männer jenseits der Vierzig

Wachen nachts auf, blicken

Auf die Lichter der Großstadt

Und fragen sich, wo sie wohl

Falsch abgebogen sind

Und warum das Leben so lang ist.